Die wunderbare Welt sprachlicher Missgeschicke

Die kleinen und großen Stolperfallen der deutschen Sprache – wer kennt sie nicht. Wie man sie identifiziert und unfallfrei überwindet, stellt Johannes Sailler in seinem neuen Buch Korrekturlesen spezial – Die wunderbare Welt sprachlicher Missgeschicke. Stilblüten pflücken, Grammatiknüsse knacken kompakt, praxisnah und anhand vieler Beispiele dar. Doch wie überzeugend und hilfreich ist der schmale Band wirklich?

Anantapodoton, Katachrese, Malapropismus – „Na dann Hals- und Bildbruch“, dachte ich etwas eingeschüchtert, als ich Johannes Saillers neues Buch vor dem Lesen durchblätterte. Es widmet sich Bildbrüchen und anderen typischen, aber auch weniger bekannten Stilblüten und grammatischen Fehlgriffen des Deutschen. Obwohl der Autor ankündigt, Fachbegriffe vermeiden zu wollen, stehen sie in den Kapitelüberschriften durchaus im Rampenlicht – immerhin jeweils mit Übersetzung in verständliche Sprache.

Johannes Sailler, langjähriger Korrektor unter anderem für den Duden-Verlag und vielen Textarbeiter*innen durch seine umfassenden Werke zum Korrekturlesen bekannt, legt diesmal ein schmales Buch von 100 Seiten vor. Besorgt um das Image aller, die an Texten arbeiten, will er Lektor*innen, Korrektor*innen, Autor*innen und Übersetzer*innen eine Arbeitshilfe an die Hand geben, die peinliche Ausrutscher verhindert.

Jedes Kapitel widmet sich einer Stilblüte oder einem Grammatikfehler und illustriert diese anhand realer Beispiele aus Presse und Literatur. Ergänzt werden sie durch konkrete Arbeitshinweise für Korrektor*innen und Lektor*innen. Jedes Kapitel endet mit weiteren Beispielen, eingeleitet durch drei Smileys – ein charmantes Detail, das jedoch nicht immer passt, weil nicht jeder Fehlgriff tatsächlich amüsant ist. Praktisch sind die beiden Stichwortregister: eines ist nach Fachbegriffen, eines nach typischen Suchbegriffen sortiert, sodass sich gezielt Antworten auf konkrete Fragen finden lassen.

In Saillers Buch gilt: In der Kürze liegt die Würze. Ohne lange Vorrede steigt er in den Stoff ein, was meiner Ungeduld beim Lernen sehr entgegenkommt. Auch die einzelnen Kapitel sind knapp gehalten; das empfinde ich als angenehm, wenngleich ich mir stellenweise einen Tick mehr Erläuterung gewünscht hätte, um den Punkt wirklich zu durchdringen. Warum heißt es etwa „des Personal Computer“ statt „des Personal Computers“ oder „Außer mir …“ statt „Außer mich …“? Wie stark dieses Bedürfnis nach Erklärung ist, hängt sicher vom Vorwissen der Lesenden ab. Man kann das Buch somit eher als aufmerksam machendes Nachschlagewerk denn als ausführliches Grammatikbuch verstehen.

Was einem das Buch sehr gut vor Augen führt, ist, dass manches nur richtig scheint, bei näherem Hinsehen aber Tücken zutage treten. Das schiefe Bild „Übereilter Autokauf kann nach hinten losgehen“ habe ich zunächst gar nicht als Bildbruch erkannt. Doch dann kam ich zu dem Schluss: Eine übereilte Aktion hat eine Dynamik nach vorne, während etwas, das nach hinten losgeht, in die Gegenrichtung wirkt – die Richtungen passen nicht zusammen. Ob das der Autor auch so sieht, weiß ich nicht. An anderen Stellen hilft Sailler den Lesenden auf die Sprünge: „… im Kampf gegen die Todesstrafe gemeinsam an einem Strang ziehen. [… (ausgerechnet am Strang?)]“ (S. 13). Ohne die Klammer wäre mir der makabre Beiklang nicht so schnell bewusst geworden.

Eine zentrale Erkenntnis aus Saillers Buch lautet also: Aufmerksamkeit zahlt sich aus. Wer Bandagen von Manschetten unterscheiden können will (S. 13, Bsp. 6), muss wissen, was die Begriffe bedeuten, und im Zweifel nachschlagen, ob eine Wendung im Sprachgebrauch tatsächlich existiert. Nicht jedes Beispiel überzeugt allerdings gleichermaßen: Die Frage „Sind Ihre Eltern Geschwister?“ wird von Sailler als Unsinnssatz interpretiert – dabei gibt es leider durchaus Menschen, auf die sie zutrifft; sie ist also inhaltlich heikel, aber nicht unsinnig.

Spannend sind Saillers Querverweise: Sie zeigen an, dass derselbe Satz in mehr als einer Hinsicht eine Stilblüte sein kann. Das macht deutlich, dass man Beispiele aus verschiedenen Blickwinkeln analysieren kann. Bedauerlich ist jedoch, dass selten erläutert wird, warum eine Formulierung gleich mehrfach problematisch oder interessant ist – hier wäre mehr Einordnung wünschenswert.

Kontrovers sind einige Einordnungen ohnehin. Die Beispiele für Zeugma (falsche Worteinsparung) wirken auf mich fast durchweg malerisch. Für Sailler zählt ein Zeugma nur dann als rhetorisches Mittel, wenn es humorvoll intendiert ist. „Er nahm keine Rücksicht und alles Bargeld mit“ finde ich elegant, aber nicht zwingend humorvoll (S. 39). Malapropismen und Contradictio in Adjecto dürfen für ihn hingegen sehr wohl rhetorische Mittel sein. Und ob ein „beseeltes Grinsen“ unzulässig ist, weil „Grinsen“ etwas Dümmliches, „beseelt sein“ aber etwas Schönes bezeichnet (S. 57)? Für mich zeigt sich hier: Sprache ist zu einem guten Teil Geschmackssache. Ein beseeltes Grinsen hat für mich etwas Liebliches und muss nicht zwingend durch ein „beseeltes Lächeln“ ersetzt werden.

Entbehrlich finde ich das Kapitel zu Satzbrüchen. Die dort versammelten Beispiele sind so offensichtlich misslungen, dass ich allen Kolleg*innen zutraue, sie unmittelbar als falsch zu erkennen. Nützlicher wären aus meiner Sicht Fälle gewesen, bei denen man genauer hinschauen muss.

Obacht ist geboten bei Saillers Begriffsbestimmungen von „Lektorat“ und „Korrektorat“. Sailler differenziert bei seinen Arbeitshinweisen konsequent zwischen Lektorat und Korrektorat und notiert jeweils, was wo zu vermerken sei. Stilblüten sind für ihn Gegenstand des Korrektorats. Ich hingegen verstehe unter Korrektorat ausschließlich die Korrektur von Rechtschreibung, Grammatik und Interpunktion und würde stilistische Eingriffe dem Lektorat zuordnen.

Bücher über sprachliche Missgeschicke gibt es im deutschsprachigen Raum einige. Saillers Buch unterscheidet sich vor allem durch seine Schlankheit und Pointiertheit, etwa im Vergleich zu Klaus Mackowiaks „Die 101 häufigsten Fehler im Deutschen“. Es verzichtet auf lange Ausführungen und setzt stattdessen auf kompakte Beispiele mit hohem Praxisbezug.

Sympathisch finde ich Saillers Einstellung, dass man nicht in jeder Hinsicht pingelig sein müsse. Entscheidend sei, zwischen gravierenden und weniger gravierenden Fehlern unterscheiden zu können und zumindest die gravierenden zu erkennen und zu korrigieren – damit das Ansehen der Urheberin oder des Urhebers nicht leidet. Dieser pragmatische Ansatz gefällt mir sehr. Gepaart mit der Auswahl an Augen öffnenden Beispielen ist Saillers neues Buch eine runde Sache, die ohne Umschweife auf die Tücken der deutschen Sprache hinweist.

Ein kleiner Fun Fact zum Schluss: Auch in Saillers Buch findet sich eine Stilblüte. Wenn es heißt „Gerade weil in modernen Gesellschaften so viele Menschen eine andere Sprache als erste erlernt haben, …“ (S. 45), frage ich mich, ob das wirklich ein exklusives Merkmal moderner Gesellschaften ist. Auch vor Jahrhunderten haben weltweit unzählige Menschen unterschiedliche Sprachen als Muttersprache gelernt. Ein klassischer Fall von „gemeint vs. geschrieben“ – wenn ich das richtig gelernt habe.

Online erhältlich zum Beispiel im Buchshop von BoD

Dr. Jenny Block Website und Profil im Lektoratsverzeichnis

Korrekturlesen_spezial_-_Die_wunderbare_Welt_sprachlicher_Missgeschicke